Wormser Zeitung

Bommeln sind der Clou: Die neu gegossenen »Anhänger« runden das Gesamtbild der restaurierten Kanzel in der Martinskirche ab.

Kanzel der Wormser Martinskirche saniert

VON ULRIKE SCHÄFER

WORMS – Zur Originalausstattung gehört die Kanzel der Martinskirche nicht. Die verbrannte mit dem übrigen Inventar bei der Stadtverwüstung im Pfälzischen Erbfolgekrieg. Die heutige Kanzel, auf deren Schalldeckel der seine Jungen mit dem eigenen Blut nährende Pelikan als Symbol für die Hingabe Christi thront, sowie die beiden Seitenaltäre und die unter der Orgelempore aufgestellten Holzfiguren der Evangelisten wurden aus dem 1802 aufgelösten Zisterzienserinnenkloster Maria Münster im Süden der Stadt übernommen. Seit längerer Zeit befand sich die Kanzel, die wohl Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden und stilistisch dem Übergang von Barock zu Rokoko zuzuordnen ist, in einem stark verschmutzten und beschädigten Zustand, sodass der Förderverein St. Martin den Beschluss fasste, sie fachgerecht restaurieren zu lassen. Seit einem halben Jahr erstrahlt sie nun wieder in hellem Glanz, und am Sonntagmorgen, nach dem Gottesdienst, erläuterte Diplomrestauratorin Anke Becker einem Kreis interessierter Menschen, wie sie bei der Untersuchung der Schäden, der Reinigung und Wiederherstellung der vielen Details vorgegangen war. Die Fotos aus dem Jahr 2014 zeigten eindrücklich, in welch schlechtem Zustand das qualitätvolle Werk gewesen war. Zunächst habe sie festgestellt, wie oft und mit welchen Mitteln die hölzerne Kanzel bisher überarbeitet worden sei, erzählte Becker. Dazu habe sie Proben aus den vergolden Partien und den Gipsengeln, die sich auf dem Schalldeckel tummeln, nehmen und unterm Mikroskop betrachten müssen. Drei Schichten konnte sie nachweisen. Bei der letzten Überarbeitung hatte man das verblichene und schadhafte Blattgold mit dicker Bronzefarbe überstrichen, sodass die Feinheiten und die qualitätvolle Arbeit nicht mehr zu erkennen waren. In Abstimmung mit der Denkmalpflege habe sie den Bronzeanstrich ganz entfernt und eine neue Fassung in der für die damalige Zeit typischen Verzierungstechnik vorgenommen.

Schäden fanden sich auch im Bereich des Stuckmarmors, mit dem man echten Marmor habe nachahmen wollen, eine teure und aufwendige Technik. Das Material, das aus einer Masse aus Gips, Leim und Pigmenten bestehe, musste in kleinen Scheiben auf die Oberfläche gelegt und fein verschliffen und poliert werden. Nicht weniger Sorgfalt habe man bei der Polimentvergoldung walten lassen müssen, einem Verfahren, bei dem hauchdünnes Blattgold auf einen Grund aus mehreren Kreide-Leim-Schichten aufgelegt und mit Hilfe von kleinflächigen Achatsteinen eingerieben werden musste. Obwohl die Restaurierung langwierig und anstrengend gewesen sei, habe es ihr und ihren Mitarbeitern viel Spaß gemacht, wie die Künstler in der Barockzeit zu arbeiten, betonte Anke Becker. Der Clou war die Entdeckung, dass am sogenannten Schalldeckelvorhang ganz offensichtlich etwas fehlte. Eine Recherche in der Literatur ergab, dass es sich um kleine vergoldete Bommeln gehandelt haben musste. Nach Rücksprache mit der Denkmalpflege wurden dann 60 Bommeln neu gegossen. Sie runden das Gesamtbild nun stimmig ab. Insgesamt kostete die Kanzelrenovierung etwas über 80.000 Euro. Etwa ein Drittel habe das Bistum übernommen, weitere 32.000 Euro habe der Förderverein finanziert, teilte der Vorsitzende Dr. Stefan Mientus mit. Den Rest hat die Kirchengemeindeselbst aufgebracht.  


Wormser Zeitung  |  9. April 2019  |  Weitere Presse-Artikel